Piumis Weihnachten

*Weihnachten 2025 steht vor der Tür. Für diejenigen unter euch, die auf Tom Pascholds ersten Roman warten (er wird in ein paar Monaten veröffentlicht), hier schon mal eine von ihm verfasste und am Glatt-Bücherfestival 2018 preisgekrönte Kurzgeschichte.

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Der erhoffte Schnee zu Weihnachten war in diesem Jahr ausgeblieben. Dafür war das Glattzentrum an Heiligabend geöffnet.

Security-Mann Urs Furrer patrouillierte in der mittleren Verkaufsebene und schaute zur Center Mall hinab, wo die Kinder unter dem großen Weihnachtsbaum Karussell fuhren, als eine ältere Dame mit einem weißen Hündchen auf dem Arm ihn am Ärmel zupfte.

„Gibt es im Glatt auch einen Buchladen?“, fragte sie.

Furrer nickte und zeigte hinunter zur Schlittschuhbahn. „Sogar zwei. Hinten beim Eisfeld.“

Die Dame lächelte. „Ich lese gern Bücher, besonders jetzt, wo die Tage kurz sind.“

„Sie lesen noch Bücher?“, staunte ein Mann, der im Vorbeigehen ihren letzten Satz aufgeschnappt hatte.

„Nicht noch, sondern wieder“, antwortete die Frau. „Weil Bücher ein Geheimnis in sich tragen. Aber das darf jeder, der will, für sich selber entdecken.“

Der Mann verzog das Gesicht, schaute auf das Display seines Smartphones und verschwand in der Menge.

Plötzlich kam über die Lautsprecher eine Durchsage: „Wir suchen ein fünfjähriges Mädchen. Es heisst Piumi, trägt einen bunt gestreiften Pullover, eine rosa Hose und hat einen Mini-Skooter.“

In dem Gedränge kann ein Kind schon mal verloren gehen, dachte Furrer und setzte seinen Patrouillengang fort.

*

Eine Viertelstunde später – er war gerade in der oberen Verkaufsebene beim Franz-Carl-Weber – erhielt der Security-Mann über Handy eine Nachricht. Piumi war mit einer Gruppe Kinder gesehen worden, die auf der südlichen Begrenzungsmauer der Dachterrasse auf Skootern Mutprobe spielten. Furrer eilte sofort am Globus vorbei nach draussen. Sein Herzschlag stockte, als er die Kinder auf der Mauer sah.

„Aufhören“, rief er entsetzt. Die Kinder schauten einander an und stoben auseinander.

Beim Mauerrand angekommen, sah Furrer nach unten. Er erstarrte. Vier Stockwerke tiefer lag ein Kind auf dem Asphalt. Neben ihm ein Skooter. Dem Security-Mann war, als ob eine Faust ihm das Herz zusammendrückte. Wie im Traum griff er zum Funkgerät, alarmierte die Zentrale und stürmte die Stufen des Treppenabgangs hinab. Auf dem Parkdeck vier rannte er keuchend hinaus ins Freie.

Vor ihm lag das Kind. Es war Piumi. Kein Zweifel. Hilflos, mit hängenden Armen stand Furrer da.

Sekunden später kam von der Shell-Tankstelle ein grauer BMW mit Blaulicht und Sirene herangerast und hielt mit kreischenden Reifen. Zwei Uniformierte sprangen aus dem Wagen, ein Mann und eine Frau. Sie beugten sich über das Kind. Die Beamtin berührte das Mädchen sanft an der Schulter und sprach es an: „Hallo, hörst du mich?“

Furrer stockte der Atem, als das Kind langsam, wie in Zeitlupe, den Kopf drehte und die drei Erwachsenen mit halb geöffneten Augen ansah. Es begann zu weinen. „Ich will zu Mami.“

„Wie heisst du?“, fragte die Polizistin.

„Piumi“, wimmerte die Kleine. Dann schrie sie plötzlich laut auf und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich falle“, stiess sie zitternd hervor. „Ich falle“.

Die Polizistin versuchte, sie zu beruhigen.

„Da kommt die gute Fee“, wimmerte Piumi. „Sie hilft mir.“

„Das Kind fantasiert“, sagte der Polizist.

„Schhh“. Die Beamtin bedeutete ihm zu schweigen. „Lass sie reden“.

„Die Fee hat mich hier abgesetzt. Dann hat sie gesagt: „Geh zu Mama“. Ich wollte aber noch etwas Trotti fahren. Dann bin ich umgefallen.“

Jetzt traf das Erste-Hilfe-Team ein. Eine Frau untersuchte Piumi. Schliesslich stellte sie fest: „Das Kind hat nur eine Schürfung und eine Prellung am Ellbogen. Wir brauchen keinen Krankenwagen“.

Furrer starrte das Mädchen ungläubig an. Sie konnte doch unmöglich nach dem Sturz von der Dachterrasse hier unten Skooter gefahren sein.

Die beiden Frauen halfen Piumi auf die Füsse und klebten ihr ein Pflaster auf die Stirn. Der Polizeibeamte sprach in sein Handy. Furrer kratzte sich am Kopf.

„Wir bringen dich jetzt zu deinem Mami“, sagte die Polizistin, nahm Piumi bei der Hand und führte die Gruppe ins Glatt.

Beim Info-Schalter fanden sie eine völlig aufgelöste Frau vor. Sie war klein, rundlich, hatte dunkelbraune Haut und pechschwarzes Haar, das sie mit einer Spange zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Weinend nahm die Mutter ihr Kind in die Arme. „Wir kommen aus Sri Lanka“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Mein Mann ist vor zwei Monaten bei einem Arbeitsunfall in Schlieren ums Leben gekommen. Es ist so schwer für mich. Und dann verschwindet auch noch Piumi.“

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Piumis Rückkehr im Glatt-Zentrum. Der hektische Betrieb schien mit einem Mal stillzustehen. Menschen umarmten sich, und der Lärm, der durch die Malls brandete, wich einer wundersamen Ruhe.

„Es war nicht mein Karma, Piumi an Weihnachten zu verlieren“, sagte die Mutter und strich mit der Hand über das Haar ihrer Tochter.

Furrer sah auf seine Hände. Sie zitterten noch immer.

Da erschien plötzlich wieder die Dame mit dem Hündchen. Im Vorbeigehen zwinkerte sie Piumis Mutter zu.

„Es gibt nicht nur Karma“, sagte sie. „Manchmal geschehen auch Wunder. Besonders zur Weihnachtszeit.“

Von Tom Paschold

Copyright 2018-2026 by Tom Paschold

Bild unten: Der jenisch-schweizerische Schriftsteller Tom Paschold am GLATT Bücherfestival 2018 im Gespräch mit der Moderatorin anlässlich der Preisverleihung für seine Kurzgeschichte „Piumis Weihnachten“ am 17.11.2018 (Rechts im Hintergrund: Bestseller-Autorin Bianca Imboden („Arosa“)

Graffiti als Design

Schriftsteller und Graffiti-Sprayer haben eines gemeinsam: Sie nennen sich Writer. Bei Graffiti steht allerdings Design statt Text im Vordergrund.
Einige von mehreren hundert Graffitis, die der jenische Autor und Graffiti-Writer Tom Paschold 2011 bis 2016 unter mehr als einem halben Dutzend Sprayernamen in Zürich und Umgebung an Free Walls und anderswo kreiert hat – von Bombings über aufwändige Graphiken bis zu Messages und Street Art-Figuren – sind auf der Seite GRAFFITI GALERIE zu sehen.